Kapitel 5 – „Der Kopf soll rollen“

Kapitel 5 – „Der Kopf soll rollen“

(Astrid) „Wer kommt denn jetzt noch? Kinder, geht sofort in eure Hütten und schließt eure Türen! Ich will, dass ihr in den Hütten bleibt, egal was passiert!“,

sagte Astrid mit einem ernsten Tonfall. Doch keines der Kinder bewegte sich. Sie waren starr vor Angst durch die laut kläffenden Hunde in der Dunkelheit. Die wankenden Fackeln warfen große Schattengestalten über die Wiese und jeden am knisternden Lagerfeuer überkam ein ungutes Gefühl. Beunruhigt spähten sie auf den Mob in der Ferne. Hella schlug plötzlich mit langen Hieben ihren Kochlöffel gegen den Kessel und rief:

(Hella) „Ab in die Hütten, Kinder! Ab in die Hütten!“

Der laute Klang des klingelnden Kessels rüttelte die Kinder wach und sie rannten wie vom Blitz getroffen in chaotischer Weise in ihre Hütten. Nur die Schwestern, Nandrad, Gottwin und Witold blieben mehr oder weniger furchtlos am Feuer stehen. Niemand von ihnen wusste, was sie erwarten würde. Noch nie in der Vergangenheit war jemand in der Dunkelheit zu ihren Hütten gekommen. Die Kinder schauten durch ihre Bretterverschläge nach draußen und tuschelten miteinander. Nandrad lief in seine Hütte und kam mit einem voll gestopften Pfeilköcher vor seiner Brust wieder heraus. Entschlossen zu kämpfen spuckte er auf den Boden und sagte:

(Nandrad) „Niemand wird meine Brüder und Schwestern anrühren!“

Der Mob war über die Wiese geschritten und hatte die Siedlung der Kinder erreicht. Es waren düstere Männer, die durch die Hütten hindurch zum großen Lagerfeuer gingen. Beim Vorbeigehen schlugen sie mit Knüppeln gegen die Hütten der Kinder und lösten Panik bei ihnen aus. Es waren an die 15 Banditen, die mehrere Hunde dabei hatten. Braune, schmutzige Lumpen bedeckten ihre verwahrlosten Körper. Vor dem Lagerfeuer stellte sich der pöbelnde Haufen in voller Breite auf und schaute sich die Runde am Lagerfeuer an.

(Bandit) „Unser Oberhaupt schickt uns, bist du der Kämpfer aus Sonnwinn?“,

fragte einer der Banditen, der die Gruppe anführte, und schaute dabei auf Gottwin. Dieser sagte kein Wort, er hatte die Fäuste so stark geballt, dass seine Adern Schatten auf seine Unterarme warfen. Er hielt im flackernden Licht des Feuers den Augenkontakt, und der Bandit fuhr fort:

(Bandit) „Wir errichten gerade ein großes Schafott, um mal wieder ein Exempel zu statuieren! Wenn die Sonne morgen am höchsten steht, werden wir den Bürgermeister öffentlich hinrichten. Die zwei Mannsweiber und alle Kinder haben sich ebenfalls schuldig gemacht. Stell dich, Sonnwinn-Kämpfer, morgen Mittag auf dem Marktplatz und wir verschonen die Kinder hier!“

Die Banditen mit ihren zahnlosen Mäulern lachten hinterhältig. Nandrad, Hella und Astrid sowie Gottwin und Witold schmissen ihnen immer zorniger werdende Blicke zu. Jemand aus Treva hatte den Bürgermeister angeschwärzt und ihnen gesteckt wo sie Gottwin und Witold finden würden. Hella und Astrid waren außer sich darüber, dass der Bürgermeister hingerichtet werden sollte. Wut entbrannt schrien die beiden:

(Hella) „Lasst den Alten in Ruhe!“

(Astrid) „Das wagt ihr euch nicht!“

Nandrad spannte verärgert die Sehne seines Langbogens und visierte den Kopf des Banditen an. Seine Hände zitterten, er war kurz davor den gespannten Pfeil abzuschießen.

(Bandit) „Töte mich ruhig, du verdammte Missgeburt! Wenn wir nicht noch heute Nacht zurückkehren, seit ihr morgen sowieso alle tot!“

Nandrad rang mit sich selbst. Am liebsten hätte er ihm direkt zwischen die Augen geschossen, doch dann wären sie wahrscheinlich am nächsten Tag über die Hütten hergefallen. Der Bürgermeister hatte die ganzen Jahre, Hella und Astrid mit den Kindern soweit es ihm möglich war unterstützt und jetzt wollte der verkommende Haufen ihn lynchen. Er konnte es nicht fassen. Die Banditen blickten ihnen noch einen Moment lang in die Augen, bevor sie sich mit einem Grinsen auf ihren Lippen umdrehten und davon gingen.

(Bandit) „Wenn die Sonne am höchsten steht, wird der Kopf des Bürgermeisters rollen.“,

wiederholte der Bandit mit einem Knüppel winkend. Wieder schlugen die Männer, als sie an den Hütten vorbeiliefen, ihre Knüppel gegen die Wände und grölten abfällige Bemerkungen:

(Banditen) „Aufgewacht, ihr Ursprung meiner Lenden!“

Deine Kinder sind doch im Winter auf der Straße erfroren!“

Halts Maul, ich mach‘ gleich noch eins!“

Auch wenn es für die Banditen eine Leichtigkeit gewesen wäre die Kinder des Sommers zu töten, waren sie erstens keine Bedrohung abseits der Stadt und zweitens war ihnen der Gedanke ihr eigen Fleisch und Blut an Klinge und Knüppel zu haben, doch ein wenig zu derb. Das waren auch die Gründe wieso sie die Hütten nie aufsuchten. Jeder wusste, dass der Bürgermeister die Kinder hierher gebracht hatte. Die Türen der Hütten schlugen alle eine nach der anderen auf, als die Banditen weg waren und die Kinder rannten schluchzend hinaus. Mit schniefenden Rotznasen und tränenden Augen liefen sie zu Astrid und Hella und umarmten sie. Der Bürgermeister war etwas sehr Besonderes für sie. Witold sah die ganzen traurigen Waisenkinder und fragte Gottwin:

(Witold) „Gottwin, was machen wir jetzt?“

Gottwin schaute immer noch den grellen Fackeln der Banditen hinterher. Ihm ging vieles durch den Kopf. Sein Blick wechselte zu Witold und er antwortete ihm:

(Gottwin) „Was wohl? Wir retten den Bürgermeister und die Stadt Treva!“

Witold war Feuer und Flamme für Gottwins Idee, auch wenn sein Vorhaben schwer realisierbar schien. Hella und Astrid waren von Gottwins Selbstsicherheit entflammt. Man konnte förmlich spüren wie überzeugt er davon war. Nandrad setzte sich wieder ans Feuer und sprach:

(Nandrad) „Ich werde euch helfen!“

Gottwin schaute Nandrad an, der neben dem Langbogen saß, und erwiderte grinsend:

(Gottwin) „Du bist sowieso fest eingeplant! Wir brauchen Informationen über den Marktplatz, jemand muss jetzt und morgen früh einmal die Lage peilen!“

Nandrad spuckte nur zwischen seine Füße und nickte Gottwin zu.

(Nandrad) „Kein Problem, ich mach das. Bis gleich!“,

sagte Nandrad, der ins Zelt stürmte und mit einem grauen Mantel mit einer Kapuze über seinen Kopf wieder hervor trat. Er verabschiedete sich bei den Kindern und versprach gleich wieder da zu sein. Hella und Astrid brachten die traurigen Kinder zu Bett und beruhigten sie mit einer Geschichte.

(Hella und Astrid) „Vor ganz langer Zeit einmal gab es nur ein

großes Königreich auf der ganzen Welt und ein großer Mann herrschte

über alle Menschen. Damals war es egal was man war oder woher man kam.

Alle Menschen gehörten zu einem Teil des Ganzen und überall sangen sie das Friedenslied. Doch als die Frau vom König schwanger wurde, und vor der Geburt der Vierlinge verstarb, rettete er seine Söhne, indem er sie eigenhändig aus dem toten Leib schnitt. Durch seine unglaubliche Liebe zu seinen Kindern war es ihm nicht möglich einen Thronfolger zu bestimmen, zumal es keinen Erstgeborenen gab. Also teilten sie das Königreich durch vier. Lange Zeit herrschte Frieden bis…“

Länger brauchte sie in keiner der Hütten erzählen und die Kinder schliefen ein. Gottwin war überwältigt von dem Satz „…und ein Mensch herrschte über alle Menschen“. Den Rest der Geschichte verfolgte er gar nicht mehr und fragte Witold, der sich mit den Zeigefingern seine Ohren säuberte:

(Gottwin) „Witold, das wäre es doch: ein König, der über die ganze Welt herrscht! Wieso gibt es das nicht noch heute?“

Witold entnahm mehrere Phiolen aus seinem Rucksack und antwortete ihm mit einem Grinsen:

(Witold) „Du musst echt mal damit beginnen, Leuten zuzuhören wenn sie etwas erzählen. Das ist eine Geschichte. Raskild hat sie mir immer vor dem Einschlafen erzählt. Da war ich noch ganz jung!“

Nachdem das letzte Kind eingeschlafen war, gesellten sich Astrid und Hella wieder an das Lagerfeuer, um die dreckigen Schalen und Löffel der Kinder weg zu räumen. Hella lächelte Witold an und flüsterte um nicht die Kinder zu wecken:

(Hella) „Wir kennen die Geschichte auch von Raskild!“,

Es verging einige Zeit am lodernden Feuer. Als die Kinder tief und fest schliefen, begannen die beiden Frauen damit, den nach Fischsuppe stinkenden Kessel zu schrubben. Ihre Arm- und Schultermuskulatur ließ für Witold immer noch die Frage offen, ob sie vielleicht doch Männer mit Brüsten und langen Haaren sind. Zuerst hörte man nur die Schritte im Gras, dann sah man seine verschwommene Silhouette auf der Wiese. Es war Nandrad, der zurückgekehrt war und ihnen erzählte was in der Stadt vor sich ging:

(Nandrad) „Mindestens 60 bis 80 Männer errichten gerade ein Schafott auf dem Marktplatz. Es ist ziemlich lang, mindestens 10 Meter. Auf der rechten Seite steht der Richtblock, auf dem sie den Bürgermeister köpfen werden,

da können wir uns sicher sein. Wir müssen etwas dagegen unternehmen. Wir können davon ausgehen, dass alle Banditen und alle Bürger sich morgen auf dem Marktplatz versammeln werden.“

(Gottwin) „Ich hätte nicht erwartet, dass die Informationen so präzise sind, Nandrad!“,

lobte ihn Gottwin. Nandrad tat so, als wäre es ein Kinderspiel gewesen, sich nachts in die Stadt zu schleichen und antwortete ihm:

(Nandrad) „Danke, aber da ist es ja schwerer einen jungen Hirsch mit Rückenwind zu erlegen!“

Die Gruppe am Lagerfeuer sah sich in die Augen und grinste. Gottwin erzählte ihnen allen von seinem Plan, denn ohne ihre Hilfe konnte er es nicht schaffen. Alle waren begeistert und fest entschlossen den Bürgermeister zu retten. Sie spitzten noch ein paar Äste am Lagerfeuer an und scherzten. Die letzten Worte des Abends kamen von Astrid:

(Astrid) „So, machen wir das! Gottwin, du bist ja doch ein richtiger Fuchs. Und nun geht zu Nandrad in die Hütte, bei ihm ist genug Platz! Ich freue mich schon, wenn wir alle hier zusammen mit dem Bürgermeister Fischsuppe essen. Schlaft gut! Uns bleiben nur noch wenige Stunden!“

Wolkenlos erstreckte sich der Himmel über den Häusern Trevas und die Sonne stand kurz vor ihrem Tageshoch. Auf und um den Marktplatz herum rangen Männer, Frauen und Kinder um die besten Plätze. Jeder wollte einen Blick auf das Schafott werfen. Über zwei Meter hoch und das Holz mit dicken Nägeln zusammen gezimmert, erstreckte sich das Schaugerüst auf dem südlichen Teil des Marktes. Keine Marktstände und Buden waren an diesem Morgen auf dem grauen Pflaster aufgebaut worden. Den bunt gekleideten Leuten der Gemeinde stand eine grauenhafte Obrigkeit bevor.

Ein großer, breiter, muskulöser Henker mit freiem Oberkörper zog einen faustgroßen Stein im festen Griff seiner Pranke an der Klinge seines Beils entlang. Bei dem Klirren der Klinge und seinem bösartigen Aussehen, standen den Bürgern die Nackenhaare zu Berge. Immer wieder drehte sich der Henker mit seiner tiefschwarzen Kapuze, die sein Gesicht verdeckte, der Menge zu. Den Bürgern gefror das Blut in den Adern bei seinem finsteren Anblick. Er zeigte anteilslos immer wieder auf den Bürgermeister, welcher auf einen Richtblock gefesselt war und machte die fürchterliche Kopf-ab-Geste. Jeder bangte um das Leben des Bürgermeisters, er hatte sich so viele Jahre für die Bürger eingesetzt und hatte immer ein offenes Ohr für jeden. Den Tod durch Enthauptung hatte ihm keiner gewünscht. Links vom Henker und dem Richtblock standen drei besetzte Stühle. Auf dem Mittleren hatte der Lageroffizier Ingram Platz genommen. Daneben saßen seine rechte Hand und das Oberhaupt der Banditen mit seiner Axt. Die drei unterhielten sich unbeeindruckt vor den traurigen, entsetzten Bürgern. Es war die größte öffentliche Machtdemonstration, die Treva je erlebt hatte. Vor dem Schafott hatte sich eine Linie aus mit Knüppel bewaffnete Banditen aufgestellt, um sicher zu gehen, dass sich keiner einmischte. Die Leute hielten mindestens einen Meter Abstand zu ihnen, wer näher kam, den schlugen die Knüppel wieder zurück. Des Weiteren hatten sich an den Seiten und hinter dem Schafott noch viele Gruppen aus Banditen angesammelt. Sie tranken, lachten grässlich und pöbelten die Bürger an.

Auf dem riesigen Marktplatz, umgeben von Häusern, war kein Fenster geschlossen. Wo die Möglichkeit bestand, Sicht auf das Spektakel zu bekommen, zwängten sich die Leute zusammen. Ein Bürger in einer Querstraße rief:

(Bürger) „Ich kann von hier nichts sehen!“

Der Marktplatz platzte aus allen Nähten, selbst die Zugangsstraßen waren voll gestopft mit Menschen. Machtvoll erhob sich der Lageroffizier Ingram von seinem Stuhl und trat nach vorne an die Kante des Schafotts. Sein Blick viel durch die verstummenden Bürger und er streckte die Arme waagerecht aus. Eine Stille, die nicht einmal in der Nacht herrschte, kehrte in Treva ein und er rief mit einem autoritären Tonfall:

(Lageroffizier Ingram) „Bürger Trevas, dieser Mann, euer ehemaliger Bürgermeister, wird heute hingerichtet, weil er sich gestern schuldig gegenüber dem Regime gemacht hat! Wer sich gegen uns stellt, dem widerfährt der Tod! Lass euch die heutige Demonstration eine Lehre sein!“

Mit einem dunklen Blick und einer eisigen Mine schaute er durch Reihen. Kein Mensch in der Stadt zweifelte seine Autorität an, ihre Augen flüchteten förmlich vor einem Blickkontakt. Er war der stärkste Krieger auf dem Marktplatz. Mit kraftvollem Griff zog er sein Langschwert, richtete es auf die strahlende Sonne und fuhr fort:

(Lageroffizier Ingram) „Wenn die Sonne den höchsten Punkt des Tages erreicht hat, soll der Kopf des Bürgermeisters rollen!“

Ingram starrte mit seinem eiskalten Blick durch die verstummten Reihen, kehrte dann der Menge den Rücken zu und nahm wieder auf seinem Stuhl platz. Alle Bürger drehten ihren Kopf, tuschelnd untereinander, zur Sonne. Es blieb nicht mehr viel Zeit, bis der Henker mit seiner Axt den Kopf vom Rumpf trennen würde. Ihre Kinder brachen in Tränen aus, denn sie mochten den netten, freundlichen Bürgermeister. Ein Mann aus der Menge rief:

(Mann) „Lasst den Bürgermeister doch in Ruhe sterben! Ihr habt doch schon vor vielen Jahren seine Frau und Kinder hingerichtet!“

Der Bürgermeister, der mit seinem nach vorn gestreckten Kopf fixiert auf dem Richtblock gefesselt war, sprach leise:

(Bürgermeister) „Thomas, lass gut sein! Ich habe es verdient, ich als Bürgermeister habe es nicht geschafft euch alle zu beschützen!“

Die Bürger standen den Tränen nah, berührt von den Worten des herzensguten Alten. Thomas fing an zu heulen, ihm tropften Tränen und Rotz nur so am Ziegenbart hinunter. Keiner hatte den Mut sich gegen das Regime zu stellen, zu groß war die Angst vor der höllischen Vergeltung. Zu viele hatten in der Vergangenheit mit ihrem Leben bezahlen müssen. Außerdem hatten die Banditen es nie dabei belassen, immer wurden einige Tage darauf auch noch Verwandte oder Mitwisser unter Qualen getötet. Die Banditen, die das Schafott sicherten, riefen lachend den Bürgern zu:

(Banditen) „Gleich rollt der Kopf des Opas!“

Ich wette, der Alte lässt einen fahren, wenn er stirbt!“

Ihr seid so erbärmlich!“

Ihr seid ein Haufen feiger Schweine ohne Rückgrat!“

Die Bewohner der Stadt waren niedergeschlagen, jede Beleidigung der Banditen war wie Salz in der Wunde, denn sie waren wahr. Aus einer Seitenstraße oberhalb des Marktplatzes drängten sich östlich zwei vermummte, große Gestalten durch die Masse. Sie waren verhüllt in grauweiße, lange Mäntel. Ihre runden Köpfe waren unter der tief sitzenden Kapuze erkennbar, während sie immer weiter in die Mitte des Platzes gelangten. Männer, Frauen und Kinder an denen sie sich vorbeizwängten, sahen ihnen verwundert hinterher. Zentral in der Menge blieben sie nebeneinander stehen und eine der Gestalten schrie mit tiefer Stimme:

(Gestalt) „Ich bin Gottwin aus Sonnwinn! Lasst den Bürgermeister frei!“

Erneut wurde es still auf dem Marktplatz. Die beiden Gestalten hatten alle Blicke auf sich gezogen und die drei Männer auf dem Schafott hatten sich aus ihren Stühlen erhoben. Der Lageroffizier Ingram brüllte den Bürgern und Banditen zu:

(Lageroffizier Ingram) „Lasst sie durch! Kommt hier hoch, auf mein Blutgerüst!“

Vor den Gestalten bildete sich eine Gasse und sie liefen frontal auf das Schafott zu. Die Banditen der Sicherungslinie gingen auseinander und mit gesenkten Köpfen liefen die Gestalten furchtlos an ihnen vorbei. Der Lageroffizier streckte seine Arme aus und rief prahlend der Stadt zu:

(Lageroffizier Ingram) „Seht ihr Bürger Trevas, niemand stellt sich uns entgegen!“

Die Gestalten liefen zwischen dem Schafott und der Sicherungslinie zu einer Treppe auf der rechten Seite. Abfällige Worte der Banditen drangen an ihre Ohren. Ihr grässliches Lachen und ihre abfälligen Bemerkungen waren unterste Schublade. Jedoch reaktionslos stiegen die beiden die Treppe hinauf.

Bei jedem Schritt auf eine neue Stufe kamen ihre haarigen Beine zum Vorschein. Als sie über die Kante auf das Schafott stiegen, blieben sie nebeneinander stehen. Nur ein paar Meter vor ihnen lag der Bürgermeister gefesselt auf dem Richtblock. Auf der anderen Seite des länglichen Schafotts standen der Lageroffizier Ingram, seine rechte Hand und das Oberhaupt der Banditen. Der Henker posierte mittig in der Nähe des Richtblocks. Die Gestalten sahen den Bürgermeister und drehten ihre Köpfe danach zu der riesigen Menschenmasse, die ganz gespannt war, was als nächstes passieren würde. Der Lageroffizier stand Seite an Seite mit seinen Untergebenen und fragte mit einem wütenden Gesichtsausdruck:

(Lageroffizier Ingram) „Was habt ihr euch dabei gedacht, meine Männer anzugreifen?“

Die beiden antworteten ihm nicht und warfen ihm nur einen Blick zu. Ein Bandit rannte wie von einer Hornisse gestochen um das Schafott. Die Gestalten zogen die Mäntel ab und warfen sie in die Luft. Mit einem breiten Grinsen schrien sie:

(Gestalten) „Gar nichts!“

Alle, wirklich alle, waren baff. Niemand sagte etwas. Nur der eine Bandit, der um das Schafott gestürmt war, rief ungeachtet dessen zum Lageroffizier:

(Bandit) „Das… Das sind sie nicht! Der Junge gestern war viel kleiner!“

Dem Lageroffizier überkam ein übler Gesichtsausdruck, ihm hatte es die Sprache verschlagen, niemals zu vor wurde er vor seinen Untergebenen dermaßen bloß gestellt. Alle Bürger und Banditen waren verwundert darüber, was sich ereignete. Plötzlich fing der Erste in der verstummten Menge an zu lachen. Es war mucksmäuschenstill, nur sein ehrliches, herzhaftes Lachen hallte über den Marktplatz. Bis man einen Zweiten hörte, der aus vollem Halse brüllte. Ein Dritter begann zu johlen und auf einmal schallte das Lachen der Stadt Treva durch die Straßen, Gassen und hoch in den Himmel.

Ein solch verzaubertes, lachendes Treva hatte es noch nie gegeben. Aus den Kehlen der Männer, Frauen und Kinder explodierte ein lautes Gelächter und durch ihre gackernden Gesichter liefen Tränen der Freude. Denn die Gestalten unter den Mänteln, waren keine starken Kämpfer, vor die sich irgendeiner hätte fürchten müssen, sondern Astrid und Hella. Mit ihren hässlichen Gesichtern versuchten sie den Lageroffizier und seine beiden Untergebenen zu reizen. Astrid und Hella gingen in verschiedene aufreizende Posen. Sie zwinkerten ihnen zu und pusteten ihnen Kusshände zu. Die Bürger schrien sich weg und lagen sich in den Armen. An die beiden verkommenden Frauen wäre nicht einmal Nixgegessen ran gegangen. Es war ein völlig unvorhersehbarer, epischer Moment, den die Frau des Bürgermeisters, vorher gesagt hatte.

Die rechte Hand des Lageroffiziers schrie durch das Gelächter der Bürger:

(Rechte Hand) „Wer seid ihr?“

(Astrid) „Tüdeldü, mein Name ist Astrid!“

(Hella) „Huhu, und mein Name ist Hella!“

Auf ihre Antworten entfachte das Gelächter noch stärker. Die völlig euphorische Stadt krümmte sich vor Lachen und griff sich an die Bäuche vor Schmerzen. Ihre Antworten wurden bis in die Seitenstraßen und Gassen weiter getragen und ganz Treva strahlte vor Freude. Der Lageroffizier Ingram war total entsetzt und befahl voller Wut dem Henker mit der Hinrichtung zu beginnen.

(Lageroffizier) „Hör auf zu posen, Henker. Schlag dem Stück Scheiße von Bürgermeister den Kopf ab!“

Der Henker nickte und ging in Position. Er setzte das scharfe Beil an und holte weit aus. Schlagartig kippte die Stimmung der Masse und das Lachen verstummte augenblicklich. Die Bürger hielten den Atem an.

Kapitel 6 – „Tod auf dem Schafott“

5 Gedanken zu “Kapitel 5 – „Der Kopf soll rollen“”

  1. Humor ! Eine starke Waffe … manchmal … bin gespannt , wie’s weiter geht …

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  2. Raubritter85 sagte:

    Ja da müssen wir wohl alle durch 😀 Nettes Kapitel wie immer, besonders Ingram und der Henker gehen ab 🙂

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  3. Tüdeldü. ^^^^^^^^
    Ja der Henker ist voll das Monster Raubritter!!!!

    Hoffentlich stirbt der Opa nicht, bin gespannt was Gott und Witti machen!

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  4. Schönes Kapitel =)
    *Armehochreißundverschmitztgrinst*

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