Kapitel 4 – „Der Abschaum“

Kapitel 4 – „Der Abschaum“

(Gottwin) „50 Banditen???“,

schrie Gottwin bestürzt über die Menge hinweg. Er selbst hatte leichtgläubig wie er war mit einem Dutzend gerechnet. Die Gäste der Kneipe versuchten immer noch den Bürgermeister von seinem Vorhaben abzuhalten. Sie befürchteten, dass die Banditen nicht nur ihn bestrafen würden, sondern die Strafe ganz Treva treffen würde, denn keiner der Anwesenden hatte in der Kneipenprügelei Partei ergriffen.

(Mann) „Du weißt doch wie das ist, Bürgermeister, einer singt immer!“

Doch all die Worte erreichten den Bürgermeister nicht. Er hatte sich fest dazu entschlossen Gottwin und Witold zu helfen. Er räusperte sich laut und klopfte mit seinem Gehstock ein paar Mal auf die Holzdielen und rief dann:

(Bürgermeister) „Ruhe! Ihr beiden folgt mir, wir müssen uns beeilen!“

Die Leute verstummten, Gottwin nickte Witold zu, der nach seinem Rucksack griff, und die beiden folgten ihm aus der Kneipe hinaus. Der Nachmittag war angebrochen und die Marktstand- und Budenbesitzer hatten längst damit begonnen abzubauen. Der gebrechliche Bürgermeister schritt voran und den beiden fiel es leicht ihm zu folgen.

(Bürgermeister) „Wir müssen in den Osten der Stadt!“,

sprach er über seine Schulter schauend. Die drei verließen den Marktplatz in eine schmale Seitenstraße. Mehrere Dorfbewohner warfen ihnen Blicke zu und grüßten den Bürgermeister. Er war immer noch, obwohl er nicht im Amt saß, eine geachtete Person in der Stadt. Sie überquerten mehrere Kreuzungen und entfernten sich immer weiter vom Marktplatz. Je weiter sie sich aus dem Inneren der Stadt entfernten, desto mehr Häuser erblickten sie deren Fenster vernagelt worden waren. Zwischen zwei Querstraßen lagen immer drei bis sechs Häuser aneinandergereiht. Witold war skeptisch gegenüber dem Bürgermeister. Er traute ihm nicht und warf immer wieder Blicke durch die Querstraßen. Als er einen Hund bemerkte, der ihnen nach gelaufen war, brüllte er:

(Witold) „Scheiße, uns verfolgt irgendeine scheiß Töle!“

Der Bürgermeister drehte sich um und erkannte den völlig abgemagerten Hund.

(Bürgermeister) „Das ist nur Nixgegessen! Der lebt schon ewig hier.“

Gottwin machte sich keine Gedanken, ob der Bürgermeister sie vielleicht in eine Falle führen würde. Er griff Witold an die Schulter und sagte:

(Gottwin) „Der Alte ist anständig, glaub mir!“

Witold der nicht überzeugt schien, beruhigte sich aber etwas und er fragte hoffnungsvoll den Bürgermeister:

(Witold) „Scheiße, kennst du einen großen Mann der Raskild heißt?“

Der Bürgermeister sagte kein Wort und schüttelte nur den Kopf. In einer Gasse blieb der Bürgermeister stehen und sagte völlig außer Puste:

(Bürgermeister) „Ich brauch eine Verschnaufpause!“

Gottwin und Witold stellten sich auf eine Pause ein und lehnten sich an das Mauerwerk in der Gasse. Doch der Alte sackte nur kurz zusammen und atmete tief durch. Danach richtete er sich wieder auf und flitzte unangekündigt weiter.

(Witold) „Was war das denn für eine Pause? Scheiße Alter, wohin gehen wir?“

Mit kleinen, schnellen Schritten ging der Bürgermeister übers Pflaster voran.

(Bürgermeister) „Es ist nicht mehr weit, unser Ziel liegt hinter den Trümmern!“

Die Augen von Gottwin leuchteten. Das Wort „Trümmer“ klang spektakulär. Als die drei aus einer Gasse kamen, sahen sie plötzlich eine alte, ramponierte Mauer die mindestens fünf Meter hoch war. Teilweise stand nur noch das Fundament. Die Mauer war im großen Krieg vor 20 Jahren an vielen Stellen durchbrochen worden. Eine breite Straße zog sich entlang der Mauer. Der Bürgermeister ging durch einen Durchbruch der Mauer und erklärte:

(Bürgermeister) „Diese Mauer sollte uns eins vor den angreifenden Königreichen schützen, doch wir brachten es nicht fertig sie rechtzeitig zu errichten!“

Hinter der Mauer traten sie durch ein kleines Waldstück auf eine große Wiese. In der Ferne sah man zerrüttete Holzhütten, die sich unter hohen Pappeln angesammelt hatten. Zwischen den Häusern drangen Rauchsäulen in den Himmel und Gottwin fragte:

(Gottwin) „Was sind das denn für Verschläge? Das sieht ja schlimm aus!“

Der Bürgermeister blieb stehen, drehte sich Gottwin und Witold zu und antwortete:

(Bürgermeister) „Die Bürger Trevas haben viele Namen für sie! Die Hütten der Bastarde, Der Abschaum, manch einer sagt sogar Der dreckige Auswurf. Die dort lebenden Kinder sind das Erzeugnis von Vergewaltigungen. Haltet euch erst einmal zurück bis ich unsere Lage erklärt habe!“

Die Beiden waren erschrocken. Was würde sie dort erwarten? Der Bürgermeister drehte sich wieder um und sie liefen durchs hohe Gras in Richtung der Hütten. Sehr interessiert darüber was mit ihren Eltern sei, hakte Gottwin nach:

(Gottwin) „Wieso leben sie nicht bei ihren Müttern?“

Der Bürgermeister antwortete mit einer sehr traurigen Stimmlage, denn er hatte Jahre lang diese abscheulichen Verbrechen zur Kenntnis genommen.

(Bürgermeister) „Bei ihren Müttern? Die Väter der Kinder sind Banditen, Söldner aus Sonnwinn und andere kranke Schweine! Ihre Mütter brachten sich um, weil sie mit der Schande nicht leben wollten oder starben bei der Geburt. Aber viele wurden auch im Verborgenen geboren und auf der Straße ausgesetzt. In Treva ist das Schreien eines neugeborenen Kindes im Morgengrau nichts Besonderes, seit wir den Anschluss zum Königreich verloren haben und besetzt wurden.“

Die beiden Freunde und der Bürgermeister waren bei den Hütten angekommen. Überall war das Gras platt getreten und Schalen aus Holz sowie Kleiderfetzen lagen herum. Gottwin und Witold bemerkten, dass sie durch die Bretterverschläge beobachtet wurden. Die Rauchsäulen stiegen aus Lagerfeuern empor um die viele kleine Sitzplätze aus Baumstämmen lagen. Die Wiese um die Feuerplätze war abgewetzt. Als sie inmitten der Hütten an einer großen Feuerstelle ankamen, rief der Bürgermeister:

(Bürgermeister) „Die beiden an meiner Seite sind euch nicht bös‘ gesonnen. Zeigt euch, Kinder des Sommers!“

Die Tür der größten Hütte öffnete sich und aus dem dunkleren Inneren kamen zwei muskulöse Frauen in den vierzigern zum Vorschein. Sie waren sehr groß gewachsen und zerzauste Haare lagen über ihre breiten Schultern.

(Witold) „Sind das Männer?“,

sagte Witold frei hinaus. Die Frauen hoben einen langen hölzernen Kochlöffel und eine Keule streitlustig in die Luft. Der Bürgermeister warf ihm sofort einen finsteren Blick zu und hob die Hände auf Brusthöhe um die Lage zu beruhigen. Die Türen der anderen Hütten hatten sich geöffnet und auf ihren Schwellen standen Kinder jeder Altersklasse mit Holzspeeren und Steinen in den Händen. Doch ihr Verhalten war, im Gegensatz zu dem der Frauen, zögerlicher und ruhiger. Der Bürgermeister blickte mit einem freundlichen Gesichtsausdruck herum und sprach:

(Bürgermeister) „Sachte, sachte, schön euch wiederzusehen, liebe Hella und liebe Astrid!“

Die Frauen schauten grimmig und ihre knolligen Nasen zogen sich hoch in ihre runden Gesichter. Die Frau mit dem riesigen Kochlöffel hieß Hella und fragte:

(Hella) „Was hat der fette Junge für eine große Klappe?“

Der Bürgermeister wollte die Situation entschärfen und entgegnete ihnen gefühlvoll:

(Bürgermeister) „Die beiden haben vier Banditen zu Brei geschlagen.“

Er wusste die Kinder des Sommers hassten nichts mehr als die Banditen, die deren Mütter geschändet hatten. Nach seinen Worten fielen die Blicke der Kinder auf Gottwin und Witold.

(Astrid) „Du weißt doch ganz genau, dass wir hier keine Fremden mögen. Wieso bringst du sie hier her?“

Der Bürgermeister schmiss den Frauen ein Lächeln zu und antwortete:

(Bürgermeister) „Ihr müsst sie nur für eine Nacht hier verstecken.“

Es verging eine Weile bis jemand ein Wort heraus brachte. Die Kinder hatte die Neugier aus den Hütten getrieben. Astrid mit der Keule fragte mit einer tiefen Stimme:

(Astrid) „Woher kommt ihr denn?“

Gottwin antworte ihr sofort:

(Gottwin) „Angenehm, ich bin Gottwin aus Sonnwinn!“

Die Kinder und die beiden Frauen waren überrascht. Jemand aus Sonnwinn bei ihnen. Das hatte es noch nie gegeben.

(Hella) „Und dein dicker Freund?“,

fragte Hella, mit dem Kochlöffel auf Witold zeigend.

(Witold) „Scheiße, ich komm aus …“

Schon wieder schämte er sich, einem Fremden gegenüber seine Herkunft zu erwähnen.

(Astrid) „Woher?“

(Gottwin) „Witold kommt aus dem Wald er lebte dort mit einem Rasknilch!“

(Witold) „Er heißt Raskild, du Idiot!“

Die Frauen und die Kinder wirkten verwundert. Niemand sagte etwas für eine kurze Zeit.

(Hella) „Der Raskild war nicht zufällig ein Alchemist, oder?“

(Witold) „Scheiße, ja, er war viele Jahre mein Mentor!“

Alle Kinder sowie Astrid und Hella waren total aus dem Häuschen. Sofort wollte sie von Witold wissen:

(Astrid) „Ist er auch in Treva? Wie geht es ihm?“

Witold reagierte verärgert über das Interesse an Raskild, der ihn ja einfach im Wald zurückgelassen hatte.

(Witold) „Keine Ahnung wo er ist! Scheiße, er ist einfach abgehauen!“

Ein kleines Mädchen von einer der äußeren Hütten rief plötzlich:

(Mädchen) „Mama, Mama, Nandrad kehrt zurück!“

Zur gleichen Zeit im Süden der Stadt, in der Nähe des Hafens, wurd eine Tür aufgeschlagen und ein Mann stürmte durch eine Kneipe. Drinnen saßen 1000 Jahre Kerker auf 60 Quadratmeter. Der zahnlose Haufen grölte und verging sich an jungen Frauen aus der Stadt. Niveaulos und wild ging es in dem von Banditen besetztem Haus zu. Völlig besoffen von Bier und Schnaps feierten sie in der verrauchten Stube. Überall schepperten leere Krüger auf den Boden. Die jungen Frauen waren Sklavinnen, die sie hielten und hinhalten mussten. Gezwungen zum Lächeln steckten sie in ihren aufreizenden Kleidern, während die Banditen Tag ein Tag aus feierten. Der Mann, der in die Kneipe gestürmt war, lief nach hinten durch einen langen Flur und betrat durch eine dicke Tür einen großen Saal. In der Mitte stand eine große Tafel mit vielen Stühlen und dahinter ein thronartiger, verzierter Stuhl. Überall im Raum standen und hingen verschiedenste Waffen und Folterinstrumente. Der Bandit war so stürmisch eingetreten, dass er erst spät bemerkte, dass der General nicht anwesend war. Nur drei Personen standen auf der rechten Seite neben der Tafel. Sie waren von Kopf bis Fuß in Rüstungen gehüllt.

(Bandit) „Wo ist der Stadtgeneral? Ich muss sofort Meldung machen!“

Die Männer schauten ihn mit sehr düsteren Blicken an. Einer von ihnen griff nach seinem Schwert an seiner Hüfte und sprach mit einer finsteren Stimme:

(Mann) „Ich bin der Lageroffizier Ingram! Pack wie du, hat hier nichts zu suchen! Es steht der Tod auf unerlaubtes Betreten dieses Saales!“

Der Bandit fiel auf die Knie und beugte seinen Oberkörper nach vorn, stützend auf seinen Armen. Mit zitternder Stimme antwortete er:

(Bandit) „Ein Sonnwinn-Kämpfer ist in der Stadt und er hat vier Banditen zusammengeschlagen!“

Von den anderen Männern ging zuerst keine Reaktion aus. Doch dann brach einer der Männer in ein tiefes Lachen aus. Der Mann mit dem Schwert starrte den Banditen an und sagte:

(Lageroffizier Ingram) „Jemand aus Sonnwinn? Wo ist er?“

Der Bandit nahm seine Hände vom Boden und kniete aufrecht.

(Bandit) „Ich weiß es nicht, Herr. Wir waren unterwegs und trafen auf ihn und seinen Begleiter. Die anderen wurden aufs übelste zugerichtet, er muss irgendwo in Treva sein! Ich konnte nur noch die Flucht ergreifen!“

Der Lageroffizier Ingram schritt zu ihm hinüber. Seine Fußpanzerung gab bei jedem Schritt metallene Geräusche ab. Dem Banditen schlotterten die Knie und er sah Ingram wie erstarrt an. Ingram blieb seitlich von ihm stehen und sagte:

(Lageroffizier Ingram) „Schau! Kennst du den Mann?“

Er deutete auf eine übel zugerichtete Person in der Ecke. Um seine Handgelenke schlossen sich mit Ketten befestigte Stahlschellen, die von einem großen Dachbalken hingen. Sein Kopf hing herunter und lag mit dem Kinn auf seiner Brust. Einer der anderen zwei Männer ging zu ihm hinüber und trat ihn mit seinen Stahlstiefeln in den Magen. Der angekettete Delinquent knurrte nur vor Schmerzen und hob den Kopf. Es war der Anführer der Banditen auf den Sax, Landolf und Gottwin getroffen waren. Das Auge neben seiner Augenklappe war heraus geschnitten und sein Mund mit dicken Garn zugenäht worden.

(Bandit) „Was…?“

Ingram schaute runter auf den Banditen und sah seinen ganzen Körper vor Angst zittern.

(Lageroffizier Ingram) „Dieser Mann meinte eine Niederlage sehen zu können also nahmen wir ihm sein letztes Auge. Wieso wir seinen Mund zugenäht haben? Der Entschluss zum Rückzug zu blasen!“

Ingram machte eine kurze Pause und sagte dann ironisch:

(Lageroffizier Ingram) „Aber du bist davon gelaufen um uns Bericht zu erstatten, richtig?“

Der Bandit rang mit seiner Fassung und versuchte zu antworten:

(Bandit) „Rii… Riii… Richtig.“

Da schlug ihm der Lageroffizier Ingram mit seinem Schwert den Kopf ab. Blut schoss aus aufklaffenden Arterien seines Halses und sein kopfloser Rumpf sackte zusammen. Der Kopf schlug neben dem zuckenden Körper auf dem Boden, mit einem Gesichtsausdruck des Todes. Ingram strich die blutverschmierte Klinge an der Kleidung des Toten ab.

(Lageroffizier Ingram) „Ich will mich nicht vor dem Stadtgeneral rechtfertigen müssen, wieso Sonnwinn-Kämpfer es bis nach Treva geschafft haben. Schick sofort das Pack los, sie sollen nach ihnen suchen!“

Ein Mann mit einer Axt nickte und verließ augenblicklich den Saal.

(Lageroffizier Ingram) „Welle für Welle werden die Sonnwinn-Kämpfer zwar kämpferisch und moralisch immer stärker, aber keine ihrer geplanten Routen führte nach Treva. Also wieso ist ein Kämpfer aus Sonnwinn hier, von dem ich nichts weiß?“

Der andere Mann im Raum war die Rechte Hand des Lageroffiziers. Er schaute auf den gefolterten Banditen und sagte:

(Rechte Hand) „Ich muss sagen, dass Sie die Sonnwinn-Kämpfer dieses Jahr unterschätzt haben. Eine Konferenz der Generäle einzuberufen, obwohl der Angriff Sonnwinns bekannt war, wegen einem nicht bestätigten Feind hat uns geschwächt.“

Ingram ging zu ihm hinüber. Er schaute auf den gefolterten Anführer der Banditen und fasste sich an seine Schulterpanzerung auf der ein zerkratztes Sonnwinn Symbol noch leicht zu erkennen war. Er war ein ehemaliger Kommandant aus Sonnwinn und er erwiderte:

(Lageroffizier Ingram) „Ja, Sonnwinn bedroht dieses Jahr unsere Geschäfte im Norden mehr den je. Der Botenreiter aus dem Westen hat trotz hoher Verluste keinen Durchbruch der Abfanglinie vermeldet. Doch aus dem Osten haben wir bis jetzt keine Informationen!“,

sprach der Lageroffizier Ingram mit einer bitterbösen Stimme.

(Gottwin) „Wo ist der Kommandobeutel? Verdammt Witold wo ist der Kommandobeutel?“

Am gemeinschaftlichen Lagerfeuer zwischen den Hütten wurde es laut. Gottwin hatte bei dem Verkauf der Pferde den Kommandobeutel nicht aus der Satteltasche genommen. Die Kinder um ihn und Witold herum freuten sich über fremden Besuch, den der Bürgermeister zurück gelassen hatte. Aufmerksam lauschten sie ihren Worten, während sie zu Abend aßen. Sie steckten in Lumpen und Sandalen, ihre Gesichter waren schmutzig und ihre Haare zauselig. Aus kleinen Holzschalen löffelten sie Suppe.

(Witold) „Was bitte ist ein Kommandobeutel?“,

fragte Witold, der davon noch nie etwas gehört hatte, verdutzt.

(Gottwin) „Der muss noch in der Satteltasche sein! Der Typ mit der langen Nase muss ihn jetzt haben. Wir müssen ihn sofort suchen gehen!“

Hella rührte mit ihrem Kochlöffel in einem großen Kessel mit Fischsuppe, unter dem ein kleines Feuer loderte. Sie riet Gottwin und Witold davon ab, noch heute in die Stadt zurück zukehren. Die Kinder hörten genau hin was Gottwin sagte. Der Bürgermeister war der einzige Fremde, der die Kinder manchmal besuchte. Gottwin war total aufgelöst und rang um Fassung. Auf einem Baumstamm saß Astrid mit drei kleinen Mädchen. Während sie die Fischsuppe genossen, lauschten die Kleinen aufmerksam was die Fremden erzählten.

(Astrid) „Witold, vor 13 Jahren haben wir Raskild genau hier kennen gelernt. Bist du das kleine Baby was er bei sich trug?“,

fragte Astrid Witold, der damit zugange war Gottwin zu beruhigen.

(Witold) „Scheiße, das kleine Baby? Ich? Ich kann mich nicht erinnern und Raskild schwieg immer über meine Herkunft!“

Astrid, Hella und den Kindern überkam ein Gefühl der Einsamkeit, denn sie kannten ihre Eltern auch nicht und eine lang anhaltende Stille breitete sich am Lagerfeuer aus. Bis Gottwin das Schweigen gefühllos durchbrach:

(Gottwin) „Leute, ich weiß auch nicht wer meine Eltern sind. Aber wir müssen uns jetzt erst einmal Gedanken machen wie ich den Kommandobeutel wieder bekomme.“

Plötzlich öffnete sich die Tür einer Hütte.

(Stimme) „Er hat Recht! Fragt euch nicht wer eure Eltern sind!“

Ein junger Mann trat hervor. Er trug ein dunkelblaues Hemd und eine dunkelgelbe Hose. An seinen Füßen saßen halbhohe dunkelblaue Schuhe. Astrid freute sich darüber, dass er rechtzeitig zum Abendessen aufgewacht war.

(Astrid) „Nandrad, hast du endlich ausgeschlafen?“

Der junge Mann trat ans Lagerfeuer. Sein Name war Nandrad. Sein Haar war schulterlang und dunkel. Auf seinem Rücken trug er einen Langbogen, der von seinen Knien aus über seine Schulter ragte. Die Kinder sahen alle zu ihm auf, denn er war der Älteste neben Hella und Astrid. Jeden Tag zog er morgens los, um zu jagen oder zu fischen. Er war ein Naturtalent und beschaffte so allen in den Hütten ihr tägliches Essen. Nandrad schaute auf Gottwin und Witold, die mit am Feuer saßen und spuckte auf den Boden.

(Nandrad) „Wer seid ihr?“

Hella antwortete sofort für die beiden:

(Hella) „Nandrad, lass sie mich dir vorstellen! Der Rechte ist Gottwin aus Sonnwinn und der Linke lebte lange Zeit mit Raskild im Wald. Sein Name ist Witold!“

Nandrad inspizierte die beiden, ließ sich eine Schale Suppe geben und sagte dann überrascht:

(Nandrad) „Mit DEM Raskild?“

(Astrid) „Ja, es scheint wahr zu sein. Er kennt Raskild, den Alchemisten! Der Hella, dir und mir vor dreizehn Jahren das Leben rettete.“

Gottwin hörte gar nicht so richtig hin, viel zu beschäftigt war er mit der leckeren Fischsuppe und dem Gedanken, dass er den Kommandobeutel zurückholen musste. Witold aber war sehr interessiert und er fragte sofort:

(Witold) „Was war denn vor dreizehn Jahren?“

Hella und Astrid gingen in sich. Die Kinder waren alle ganz ruhig geworden. Zu gern hörten sie die Geschichte, die nur selten erzählt wurde. Astrid nickte Hella zu und sie begann zu erzählen:

(Hella) „Ich muss ein bisschen ausholen, aber dann versteht ihr es besser!“

Hella atmete noch einmal tief durch, während sich Nandrad mit der Suppe ans Feuer setzte.

(Hella) „Es war vor genau 36 Jahren, damals gehörte Treva noch zum Königreich Sonnwinn und die Stadt stand in ihrer Blütezeit. Die Zahl der Bürger wuchs und wuchs, viele Leute von außerhalb zogen nach Treva. Unsere Mutter arbeitete damals noch als Schneiderin zusammen mit der Frau des Bürgermeisters. Als sie eines Abends auf dem Weg nach Hause war, fiel ein Mann über sie her und vergewaltigte sie. Als man unsere Mutter am nächsten Tag fand, machte sich ganz Treva auf und suchte den Mann. Sie fanden ihn und er wurde öffentlich am Marktplatz erhängt. Doch die Bürger fingen an unserer schwangeren Mutter aus dem Weg zu gehen, da sie kein eheliches Kind in sich trug. Die Frau des Bürgermeisters jedoch war ihr eine gute Freundin und stand an ihrer Seite. Als unsere Mutter dann in einer Nacht Astrid und mich geboren hatte, verstarb sie an schrecklichen Blutungen. Niemand wollte uns damals aufnehmen, selbst der Bürgermeister riet seiner Frau davon ab. Doch sie hatte es unserer Mutter am Sterbebett versprochen und so zog sie uns viele Jahre verborgen vor den Bürgern auf. Zwei Jahre später wurde auch sie erstmals schwanger, sie kümmerte sich jedoch noch immer um uns als wären wir ihre eigenen Kinder. Astrid und ich durften aber im Haus nur spielen, wenn die Fenster nachts oder bei starkem Regen geschlossen waren. Sie sagte uns immer: „Wenn ihr groß seid, dann taucht ihr plötzlich auf und eure süßen Gesichter verzaubern die Stadt.“ Wir hätten uns als Zuziehende ausgeben und unsere Herkunft verschweigen sollen. Doch als der Krieg begann und die zwei riesigen Heere hoch zur Stadt Sonnwinn zogen wurde alles anders. Eines Tages waren Astrid und ich im Kellerzimmer. Da öffnete plötzlich die Frau vom Bürgermeister die Luke und sagte „Rührt euch nicht, seid leise“. Irgendwann kam dann der Bürgermeister heulend in sein Haus und seine Frau und seine Kinder kamen nie wieder. Er baute genau hier wo wir jetzt stehen zwei Hütten und brachte uns in einer Nacht und Nebel Aktion hierher. Die darauf folgenden Wochen kam er einmal Wöchentlich mit Trinken, Essen und Medikamenten vorbei. Vor 14 Jahren hörten wir dann eines Tages ein Kind zwischen unseren Hütten schreien. Dieses Kind war Nandrad und wir entschlossen uns ihn aufzuziehen. Es gelang uns ganz gut bis er ein Jahr später erkrankte und uns ansteckte. Der Bürgermeister versuchte uns zwar zu helfen doch er fand kein Heilmittel. Eines Morgens stand ein Mann mit einem Baby bei uns am Feuer und kochte eine Suppe. Als wir aus unseren Hütten hervor traten, teilte er mit uns und wir würden am selben Tag wieder gesund werden. Dieser gütige, nette Mann war Raskild. Er ließ uns ein Rezept da für eine Fischsuppe, die unser Immunsystem stärken würde, wenn wir sie zweimal die Woche essen würden. Nachdem der Bürgermeister erfahren hatte, dass wir hier ein Kind groß zogen, bat er uns ein paar Jahre später uns erneut um ein Baby zu kümmern. Durch die steigende Zahl der Banditen erhöhte sich auch die Zahl der Vergewaltigungen und von Jahr zu Jahr brachte uns der Bürgermeister in den warmen Monaten des Jahres Neugeborene zu uns. Irgendwann waren wir so viele, dass die Nahrung, die der Bürgermeister zu uns trug, nicht mehr ausreichend war. Doch Nandrad war im Alter von zehn Jahren schon ein ausgezeichneter Jäger und Fischer. Seitdem versorgt er uns mit Nahrung.“

Hella beendete ihre Erzählung und Witold war schockiert darüber was Astrid und Hella erlebt hatten. Er dachte über Raskild nach und ob er damals das Baby an Raskilds Seite war. Gottwin, der sich den letzten Löffel Suppe seiner Schale in den Mund schaufelte, hatte mal wieder nicht richtig zugehört und fragte:

(Gottwin) „Was war vor 36 Jahren?“

Die Kinder blickten ihn alle zornig an und waren entsetzt über seine unverschämte Frage. Astrid aber fing genau wie Hella an zu lachen und antwortete ihm:

(Astrid) „Was damals war interessiert heute doch keinen mehr! Wir sind froh das es uns hier allen gut geht!“

Alle miteinander unterhielten sich noch, von der Dunkelheit der Nacht umgeben, bis plötzlicher Lärm vom Waldstück vor der Stadtmauer an ihre Ohren drang. Flackernde Fackeln waren aus der Ferne zu erkennen, die sich in einem Mob näherten. Den Kindern schoss die Angst durch Mark und Bein als das Kläffen und Knurren von Hunden zu hören war.

Kapitel 5 – „Der Kopf soll rollen“

2 Gedanken zu “Kapitel 4 – „Der Abschaum“”

  1. Die Geschichte in der Geschichte … sehr gut !

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  2. Brechreiz vor lachen! Was für Witze… 😉
    Meine Frau hat mich sogar gefragt was los ist 😉

    Jetzt noch schnell das 5.

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